„Mit den Worten Catos: Dem Gemeinwohl zu dienen ist die höchste Ehre“.

1. Juli 2010

Nachruf auf US-Senator Robert C. Byrd

„Heute weine ich um mein Land“. Diese schlichte und zugleich eindrucksvolle Formulierung hatte Senator Robert Byrd gewählt, um seine Rede angesichts des Beginns der Operation „Iraqi Freedom“ einzuleiten. Diese Worte machten ihn zu einem ungewöhnlichen Helden der linken Friedensbewegung in den Vereinigten Staaten und darüber hinaus. Zum Zeitpunkt der Debatten über den Irak-Krieg war Byrd bereits mehr als vier Jahrzehnte Mitglied des US-Senates, der älteste Demokrat in der ‚noblen‘ Kammer des US-Kongresses.

Byrd hatte sich Wochen und Monate intensiv parlamentarisch gegen das Vorhaben der Bush-Regierung eingesetzt. Wochen und Monate in denen er, Einfluss und Respekt der Kollegen gewohnt, sich manches mal einsam gefühlt haben könnte. Denn nur wenige seiner Kollegen, nur gut die Hälfte seiner Parteifreunde, gar nur einen Republikaner und einen Unabhängigen konnte er auf seine Seite ziehen. Seine in zahlreichen Reden auf dem „Senate Floor“, im Plenum des Senates, vorgebrachten Argumente hinsichtlich der Gefahr einer neuen Präventivschlagstrategie machten ihn zu einem Alleingänger. Er verwies auf die drohende Isolation seines Landes, auf die verfassungswidrigen Aspekte des geplanten Vorgehens, verglich die Situation schon vor Beginn des Krieges mit jener die zum Vietnam-Alptraum geführt hatte. In der öffentlichen Debatte wurde ihm dafür wenig Verständnis entgegengebracht. Senatoren, die sich Karriereoptionen offen halten wollten, konnten oder wollten in diesen Monaten nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 nicht durch Opposition zu einem Waffengang als „schwach“ erscheinen. Die Senatoren und späteren Präsidentschaftskandidaten John Kerry, John Edwards, Hillary Clinton, sie alle stimmten in die Argumentation der Administration hinsichtlich einer vermeintlichen irakischen Gefahr mit ein.

Gelegentlich klangen die Vorträge Byrds geradezu verzweifelt. Sein Handeln entsprach dem von ihm in Jahrzehnten politischer Aktivität entwickelten Ideal eines unabhängig agierenden Parlamentariers; die Genialität der Gründerväter hätte darin gelegen, ein Gremium zu schaffen, dessen Mitglieder ihren Meinungen und Gefühlen frei Ausdruck verschaffen könnten.

Byrd liebte den Senat und die Art und Weise in der dieses Gremium zu Entscheidungen gelangt, oder in seiner Vorstellung gelangen sollte: Ein geringes Maß an Vorgaben zur Führung von Debatten, die Möglichkeit für ausführliche Redebeiträge, ganz im Kontrast zu den oftmals einminütigen Statements im Repräsentantenhaus, der respektvolle Umgang der Senatoren untereinander. Byrd war nicht nur Vollblutpolitiker, mehrfach Führer demokratischer Mehrheiten im US-Senat, Vorsitzender des einflussreichen Haushaltsausschusses, sondern zugleich Historiker des Senates, mit zahlreichen Veröffentlichungen zu seiner Geschichte.

Sein Ideal für die hohe Kammer – antike Vorbilder, die Parallelität zum Senat der römischen Republik. Hinsichtlich der Verfassungsordnung war er zutiefst „republikanisch“ geprägt. Diese von ihm schriftlich wie in Plenumsreden zur „Geschäftsordnung“ oftmals fixierte Vorstellung – einmal appellierte er etwa in einem eigens gehaltenen Redebeitrag, die Senatoren mögen die Tradition wahren, sich in Debatten nicht gegenseitig direkt anzusprechen, sondern voneinander in der dritten Person zu sprechen – kontrastierte schillernd zu seinen Anfängen als populistischer Demokrat der 1940er und 1950er Jahre.

1917 geboren, hatte Byrd seine Kindheit und Jugend in ärmlichen Verhältnissen verbracht, aufgewachsen bei Verwandten, seine Mutter war in der Grippepandemie von 1918 gestorben. Zu Beginn seiner politischen Karriere in den späten 1940er Jahren war er Mitglied des Ku Klux Klan, im Senat opponierte er, wie viele Demokraten dieser Zeit, gegen die Bürgerrechtsgesetze der 1960er Jahre, beschrieb seine ursprüngliche Position, die ihn auch in den darauf folgenden Jahrzehnten oftmals einholen sollte, als jene eines überzeugten Segregationisten. In der Auseinandersetzung zwischen Hillary Clinton und Barak Obama um die Präsidentschaftsnominierung der Demokraten entschied er sich 2008 für die Unterstützung Obamas. Dies könnte sicherlich als der symbolische Abschluss eines langen Weges auch der persönlichen Auseinandersetzung mit dem Problem der Gleichberechtigung der Afroamerikaner gesehen werden. So deutlich konnte diese Entwicklung nur bei einem Politiker nachvollzogen werden, der ein halbes Jahrhundert amerikanischer Geschichte in seinem Handeln reflektierte und selbst mitgestaltete.

Byrd gelang es auch noch zu Zeiten, in denen er geradezu das Monument eines Senators in der Tradition der Gründerväter darstellte, seine kulturelle Nähe zu den „kleinen Leuten“ in seinem Heimatstaat West Virginia unter Beweis zu stellen. Neben der Politik galt seine Leidenschaft der Fiddle, dem Musikinstrument der amerikanischen Folk Music, die er mit großem Talent beherrschte, wie er zu verschiedenen Gelegenheiten unter Beweis stellte.

Öffentlich vorgeworfen wurde Byrd, dass er seine Funktion als langjähriger Vorsitzender des Haushaltsausschusses für Partikularinteressen seines Bundesstaates missbraucht hätte, die Abermillionen US-Dollar, die er für Projekte in West Virginia sicherte, schienen nicht immer notwendig zu sein. Byrd sah dies wohl nicht als Widerspruch zu der von ihm vertretenen Orientierung am Allgemeinwohl und vertrat diese Bilanz selbstbewusst als Erfüllung seiner Pflicht gegenüber seinen Wählern.

Das Byrd in seinen letzten Jahren bei der politischen Linken in den USA immer beliebter geworden war, mag angesichts seiner konservativen Wurzeln ironisch erscheinen. Neben dem Einsatz gegen den Irak-Krieg engagierte er sich vermehrt gegen die Aushöhlung der individuellen Freiheiten und Verfassungsgrundrechte der Bürger. Für Byrd mag dies aber alles andere als einen Wandel des persönlichen Standpunktes bedeutet, sondern vielmehr in der Tradition seiner Orientierung an der Verfassung und der amerikanischen Kultur zivilen Engagements zur Verhinderung zu großer Machtkonzentration bei der Bundesregierung gestanden haben.

In den Jahren nach den Irak-Debatten schien Byrd gesundheitlich immer angeschlagener zu werden. Diskussionen wurden laut, ob er den Aufgaben eines Senators noch gewachsen sei. Selbstbewusst wehrte er sich dagegen, in dem er seine Schwächen nicht etwa kaschierte, sondern oftmals zitternd, langsam sprechend, nicht fähig ohne Assistenz die Seiten seiner Redemanuskripte umzublättern, schließlich vom Rollstuhl aus, weiterhin an den Geschäften des Senates teilnahm. In einer Rede verteidigte er seine Haltung, trotz seiner körperlichen Einschränkungen in seinen Ämtern zu verbleiben, machte eine vermeintliche kulturelle Feindschaft gegen das Alter aus, dabei doch die Alten, trotz sichtbarer Gebrechen, am politischen Leben teilhaben sollen könnten.

Byrd machte auch keinen Hehl aus seinen Emotionen: Weinte während eines Auftritts im Senat angesichts der Krebs-Diagnose seines langjährigen Senatskollegen Edward Kennedys im Jahr 2009. Der von ihm in den letzten Jahren praktizierte offene Umgang mit menschlichen Schwächen war eine große Ausnahme im öffentlichen Leben seines Landes. In den Medien wurde darauf oftmals mit der kritischen Fragestellung reagiert, ob Byrd für sein Amt als amtierender Senatspräsident (das traditionell stets der älteste Senator der Mehrheitsfraktion ausübt) noch geeignet sei, besonders angesichts dessen, dass der Inhaber dieser Funktion an dritter Stelle der Amtsnachfolgelinie im Falle eines Ablebens des US-Präsidenten steht.

Diese Kritik konnte einen Mann von der Statur Byrds, der über 60 Jahre Wahlämter inne hatte und als Kongressmitglied seit Eisenhower die Amtszeiten von 11 Präsidenten begleitete, keineswegs zum Rückzug bewegen. Die Figur Robert Byrd wurde in den letzten Jahren seines Lebens als ein Referenzpunkt einer politische Kultur wahrgenommen, die der Vergangenheit zu entstammen schien und die von manchen als anachronistisch empfunden wurde. Dank seines Glückes einer langen Lebensspanne und der fortwährenden Unterstützung seiner Wähler repräsentierte er in der politischen Arena gelebte Geschichte und altersbedingte Autorität. Dank seiner Disziplin und seiner glaubwürdigen Orientierung an den Idealen der Republik war es ihm möglich, seine Überzeugungen in Sachen Stil und Inhalt von Politik bis zu seinem Tode aktuell und gegenwärtig zu halten, mochten sich die allgemein gängigen öffentlichen Debatten auch noch so sehr davon unterscheiden.

Hier können Sie einen Kommentar zu diesem Artikel schreiben

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
  • Internetadressen und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.
  • Erlaubte HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.

Weitere Informationen über Formatierungsoptionen